
Wie gehst du damit um, wenn dein Kind einen komplexen Hilfebedarf hat?
Das Ziel unseres Projektes ist es, Kindern und Jugendlichen mit komplexem Hilfebedarf Unterstützung und Stabilität zu bieten. Wünschenswert ist es, dass sie diese bereits durch ihr familiäres Umfeld erhalten. Dieses ist jedoch durch die Situation auch Belastungen ausgesetzt. Um diese Perspektive zu beleuchten, haben wir die Mutter eines betroffenen Jugendlichen interviewt.
(Alle Namen wurden geändert.)
L: Beschreib mir doch bitte mal die Situation mit deinem Sohn und das, was du für wichtig erachtest.
C: Also, mein Sohn, Ben, ist mittlerweile volljährig, gerade 19. 2019 hat die ganze Situation mit ihm richtig angefangen. Da ist er so ein bisschen in die falschen Kreise reingeraten und hat dann auch angefangen, Drogen zu nehmen. Zu der Zeit war er immer sehr aggressiv. Auch mir und meinem Mann gegenüber. Er hat keine Hilfe angenommen und es so lange ausgesessen, bis er dann eben volljährig war. Er ist dann auch nicht mehr zur Schule gegangen. Da war das Homeschooling auch ein großer Faktor für, weil das bei ihm überhaupt nicht funktioniert hat.
Also, so richtig Stillstand ist jetzt seit dreieinhalb Jahren. Er verlässt das Haus kaum noch.
Er ist ohne Abschluss von der Schule abgegangen. Danach haben wir nochmal einen Versuch gestartet, ihn in einer Werkstatt anzumelden. Da ist er auch zwei Wochen lang hingegangen.
Das war aber keine Behindertenwerkstatt, sondern es war einfach für Leute mit schwierigem Schulweg.
Er sagt zum Beispiel immer, er will in seinem Leben keine Steuern zahlen und er hasst den deutschen Staat, er hasst eigentlich alles so.
Man spürt bei ihm einfach, dass da ganz viel Wut hinter ist. Er lässt es allerdings mittlerweile nicht mehr so an uns aus. Jetzt hat er seine Aggressivität doch ganz gut im Griff. Das könnte auch daran liegen, dass wir seit drei Jahren unseren Hund haben, und er sich da auch gar nicht traut so auszuticken, wie er es vorher gemacht hat.
Also Ben war früher schon ein bisschen speziell und hat sich mit sozialen Kontakten immer ein bisschen schwergetan, und auch die Empathie ist nicht immer so seine Stärke.
L: Wie gestaltet Ben so seinen Alltag? Wie fühlt er sich mit der Situation?
C: Momentan hat er sehr viel Langeweile und führt mir quasi den Haushalt. Im Prinzip bin ich jetzt grad mit meinem Hund draußen und in der Zwischenzeit putzt er mir die ganze Wohnung. Ich mein, das ist alles schön und gut, aber das ist natürlich nicht das, was nen 19-Jährigen ausmacht irgendwo, nh?
Ich mein, gut, er steht morgens immer um neun Uhr auf, wäscht sich, putzt sich die Zähne, joa, und dann legt er sich wieder hin. Dann macht er irgendwelche, weiß ich nicht, irgendwelche Computerspiele, und, wie gesagt, dann wartet er darauf, dass ich nach Hause komme. Das ist so sein Tagesablauf.
Er macht jetzt auch keinen sehr traurigen Eindruck auf mich, aber es ist halt alles nicht normal, nh?
Er geht wirklich extrem selten raus. Naja, morgen fährt er mit meinem Mann zum Friseur. Das ist jetzt nach 6 Wochen das erste Mal, dass er das Haus wieder verlässt, außer mal zum Mülleimer draußen. Es kommt auch mal vor, dass er sich mit seiner Schwester Lena ein Fußballspiel anguckt, im Stadion, aber das eben auch nicht so oft.
Naja, er hat manchmal gesagt, dass er irgendwie nicht so richtig Lust zum Leben hat. Also, ich denke, dass da auch schon so ein bisschen Depression hinter steckt, ja. Aber konkrete Suizidgedanken äußert er nicht. Er weiß halt auch, dass, wenn er damit droht, sich was anzutun, man dann natürlich sofort nen Hörer an der Hand hat.
L: Welche Hilfen habt ihr in Anspruch genommen oder versucht in Anspruch zu nehmen? Welche würdest du dir wünschen?
C: Wir hatten am Anfang zum Beispiel eine Erziehungshilfe. Die hat auch Soziale Arbeit gemacht und hat aber schlussendlich nur mit mir gearbeitet, weil Ben die Hilfe abgelehnt hat.
Wir hatten auch eine Jugendamtsmitarbeiterin, die war halt auch bei uns zu Hause und hat versucht, das Gespräch mit ihm zu suchen.
Als er noch zur Schule gegangen ist, hat auch der Schulsozialarbeiter versucht, Einfluss drauf zu nehmen, aber er hat alles abgeblockt. Schlussendlich kam dann ja noch Corona dazu. Ich hab nochmal Anfang des Jahres einen Versuch gestartet, ihm einen gesetzlichen Betreuer an die Seite zu stellen. Aber das hat dann auch nicht geklappt, weil er es im Endeffekt abgelehnt hat.
So einen gesetzlichen Betreuer hätte ich mir echt für ihn gewünscht. Oder auch einen jungen Sozialarbeiter, der irgendwie nah an ihm dran ist.
Ich wollte ihn sogar mal nach PsychKG einweisen lassen. Da wurde mir dann von der Jugendamtsmitarbeiterin auch gesagt, dass das selten vorkommt, dass Eltern sich das wünschen. Aber geklappt hat das am Ende auch nicht.
L: Und wie fühlst du dich mit der Situation?
C: Ich denke, ich werd mir da nichts vorwerfen können, weil ich hab ja versucht, alles irgendwie in die Wege zu leiten.
Für uns geht das Leben weiter, wir haben versucht alles zu machen, aber es bleibt schwierig, weil sich das Ganze einfach schon so lange zieht und man in so nem Schwebestatus ist.
Ich mein, im Prinzip, hab ich auch ein bisschen resigniert. Ich versuch so ein bisschen zu überleben und ja, ich bin jetzt letzte Woche auch 49 geworden. Ich denk mir immer, ich hab noch ein bisschen Leben vor mir, ich will da jetzt auch nicht alles nur an meinen Kindern fest machen, nh? Ich bin ja auch in psychologischer Hilfe ähm oder Betreuung, einmal die Woche.
Ich mein, er hat jetzt die Entscheidung getroffen, aber er ist mittlerweile auch alt genug um eventuell diese Konsequenzen, die das Ganze so mit sich bringt, zu tragen. Und wenn ich ihn irgendwie rausschmeißen würde, hätte ich einfach zu viel Angst, dass er sich dann auch wieder den Drogen so zuwendet. Wo er ja komplett seit zweieinhalb Jahren auch von ab ist, nh?
L: Würdest du sagen, dass er ein Systemsprenger ist oder ein vom System Gesprengter?
C: Er ist ein Systemsprenger. Ich würd das schon sagen, ja, also er …. Ich glaub, wir haben ihn in der Grundschule angemeldet und haben gesagt, da geht der eh nicht hin, weil er von Anfang an immer gegen alles war, was neu ist. Also, ich glaube nicht, dass das System ihn gesprengt hat. Okay, also Corona hat schon nen ganz großen Teil dazu beigetragen. Das glaub ich schon, das hat nochmal so in die Karten reingespielt, nh, und wenn das nicht gewesen wäre, vielleicht hätte er den Weg dann auch geschafft.
Ist halt auch die Frage, was bezeichnet man als Systemsprenger? Ich meine, jeder kennt ja den Film, wo dieses Mädchen da wirklich, äh, schreiend, beißend und kratzend gezeigt wird.
Aber er hat nie großartig rebelliert in der Schule. Das hat er meistens mit uns zu Hause ausgemacht, nh? Das heißt, es sind viele Lehrer, etc., oder auch der Fußballtrainer aus allen Wolken gefallen, die konnten sich das gar nicht so richtig vorstellen, weil er sich bei denen einfach nie so gezeigt hat.

