Impuls: Widersprüche im Arbeitsalltag mit Kindern und Jugendlichen

Den Anstoß für diesen Post hat Lotta mit einem ersten Impuls gegeben. Darauf aufbauend hat unser Team weitere Gedanken und Ideen dazu gesammelt. Wir laden auch euch ein, von euren Assoziationen mit dem Thema in den Kommentaren zu erzählen.

Ich habe mein Leben doch selbst noch gar nicht richtig im Griff und jetzt soll ich den Kindern erklären, wie sie ihres zu führen haben?

Ich soll ihnen starre Regeln aufdrängen, die ich selbst niemals so umsetzen würde …?

Wir wollen Freiheit in der Entwicklung bieten, aber dennoch für einen klaren Rahmen sorgen.

Wir wollen da sein, Präsenz zeigen und deutlich machen, dass jemand ihnen zuhört und sie wertschätzt, aber dennoch nicht zu nah rangehen und Distanz wahren.

Wir wollen vermitteln, dass jeder Mensch Gefühle hat und zeigen darf, wollen die Jugendlichen aber nicht mit unseren belasten.

Wir wollen das Schicksal der Kinder und Jugendlichen mitdenken, aber sie auch nicht mit Samthandschuhen anfassen und auf die reale Welt vorbereiten.

Wir befinden uns im Arbeitsalltag laufend zwischen Widersprüchen. Sobald wir anfangen, darüber nachzudenken, laufen wir Gefahr, dass Chaos in unserem Kopf entsteht. Aber genau aus diesem Chaos können neue Ansätze und gute Gespräche zwischen Kolleg*innen oder mit den jungen Menschen entstehen.

Der Widerspruch ist der Ort, wo die eigene Haltung wachsen kann.

„Irgendwann steht man im Leben an einem Punkt, an dem man nicht weiß, welchen Weg es nun einzuschlagen gilt. Welcher Weg ist der richtige? Keine Richtung wirkt ,,richtiger‘‘ als die andere. Zwei Kräfte ziehen einen in entgegengesetzte Richtungen, und der beste Weg liegt vermutlich irgendwo dazwischen. Als pädagogische Fachkraft sind es oft zwei Kräfte, die einen antreiben: Verständnis und Konsequenz, Freiheit und Grenzen, Orientierung geben und Selbstbestimmung ermöglichen. Sie scheinen widersprüchlich, doch es ist möglich, sie miteinander zu vereinbaren und einen sicheren Mittelweg zu finden. Es gilt, immer wieder neu abzuwägen, was die jeweilige Situation und der junge Mensch gerade brauchen. Dabei bedeutet Empathie nicht, auf Grenzen zu verzichten, genauso wie Professionalität nicht bedeutet, keine Nähe oder kein Verständnis zu zeigen. Es ist ein leichter Konflikt, und im Laufe der eigenen Tätigkeit als pädagogische Fachkraft wird sich der Umgang mit diesen Widersprüchen immer wieder verändern und weiterentwickeln. Durch Erfahrung, Reflexion und Austausch mit anderen wird man nach und nach immer sicherer im Handeln werden.“ – Jula

„In der Sozialen Arbeit gehört das Erleben gegensätzlicher Anforderungen zur täglichen Praxis. Das Streben nach der optimalen Balance zwischen Beziehungsarbeit und professioneller Distanz, Autonomie und Struktur oder Empathie und Durchsetzungsvermögen ist kein Anzeichen von Orientierungslosigkeit, sondern Ausdruck einer reflektierten Grundhaltung. Gute Pädagogik zeigt sich nicht darin, dass man alle Konflikte perfekt löst. Sie zeigt sich darin, wie sicher und besonnen man im Alltag mit diesen Spannungsfeldern umgeht. Die Bereitschaft, eigene Unsicherheiten zuzulassen und das eigene Handeln kontinuierlich zu hinterfragen, bildet das Fundament für fachliches Wachstum. Wer Widersprüche nicht ignoriert, sondern als Anlass für kollegiale Beratung, Supervision und den fachlichen Diskurs nutzt, wandelt vermeintliche Überforderung in methodische Weiterentwicklung um. Am Ende entsteht eine authentische pädagogische Haltung nicht durch das starre Befolgen von Vorgaben, sondern genau in der aktiven Auseinandersetzung mit den komplexen Realitäten des pädagogischen Alltags.“ – Pia

„Ähnliche Erfahrungen habe ich als Betreuerin im Ferienlager gemacht. Besonders in meinem ersten Jahr sind sehr viele Eindrücke auf mich eingeprasselt: Ich musste mich selbst im Ferienlageralltag zurechtfinden. Wie möchte ich als Betreuerin sein, und wie bin ich? Plötzlich finde ich mich in einer Art erzieherischer Rolle wieder, von der ich in der Realität noch weit entfernt bin. Ich bin selbst noch so jung. Wie soll ich schon wissen, was in welcher Situation das Richtige ist? Ich fühle mich selbst noch nicht erwachsen, aber irgendwie betrachten die Kinder mich, als wäre ich erwachsen und wüsste immer, was zu tun ist. Sollte ich in manchen Situationen deutlich machen, dass ich das selbst nicht alles weiß, um authentisch zu sein, oder verunsichert sie das zu sehr? Bin ich dann trotzdem authentisch?Dies waren Fragen, mit denen ich mich vorher nie so bewusst auseinandergesetzt habe: Fragen danach, wofür ich stehen möchte und wo ich mich selbst als Betreuerin wiederfinde – wie ich meine Rolle definiere. Im Widerspruch finde ich meine eigene Rolle.“ – Lisa

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