Einblicke einer Praktikantin in die Arbeit mit obdachlosen jungen Menschen
Gekürztes Interview
Das Interview ist stark gekürzt und auch umformuliert.
Die Befragte hat im Rahmen ihres Studiums der Sozialen Arbeit ein circa viermonatiges Praktikum im Bereich Streetwork in einer Einrichtung gemacht, die sich auf Obdachlose Menschen im Alter von 18-27 Jahren fokussiert hat. Häufig wurden aber auch jüngere Personen betreut.
Welche Herausforderungen beziehungsweise Probleme hast du bei deinen Klientinnen und Klienten beobachtet?
Viele Klient*innen kamen nur zu uns, um zu essen, um ihre Kleidung zu wechseln oder sich medizinisch versorgen zu lassen.
Manche wollten sich gar nicht öffnen und dann konnte man ihnen natürlich auch nicht helfen.
Gewalt war auch ein großes Thema. Hier wusste ich manchmal nicht, wie ich damit umzugehen habe.
Ein sehr relevanter Punkt noch: Wir hatten Klient*innen mit psychischen Störungen, die dann komplett wirres Zeug geredet haben und darauf war ich dann nicht allzu gut vorbereitet und wusste auch nicht, dass diese Person gerade so einen Schub hat oder so. Und was ich darauf zurück antworten soll.
Als Studentin ist das ja auch noch ziemlich schwer.
Wie gesund oder krank würdest du sagen, sind deine Klient*innen? Das bezieht sich auf Körper und Psyche.
Also psychisch würde ich die Klient*innen dort schon als sehr vulnerabel einschätzen.
Sehr viele konsumieren halt auch Drogen und damit gehen die verschiedensten psychischen Störungen einher. Wahrnehmungsstörungen, Borderline-Störungen…
Und körperlich waren auch sehr viele angeschlagen, einfach resultierend aus der Verwahrlosung, da sie halt auf der Straße leben.
Es gab auch viele Wunden durch Gewalt. Ich hab da Geschichten mitbekommen… Es wurden Klienten angezündet, als sie im Zelt geschlafen haben. Dann gab es auch selbstverletzendes Verhalten aufgrund von psychischen Erkrankungen.


Welche Rolle haben die wetterlichen Bedingungen gespielt?
Meinen Hospitationstag hatte ich ja im tiefsten Winter.
Und da kann ich nur sagen, mein lieber Scholli, einmal die Woche stehen wir Sozialarbeiter*innen am Alexanderplatz und vergeben Essen oder machen auch aufsuchende Straßensozialarbeit.
Da haben nicht nur die Obdachlosen gefroren, sondern auch wir Sozialarbeiter*innen.
Und im Sommer habe ich mitbekommen, dass manche auch einen Hitzschlag bekommen haben, weil es so heiß war.
Deswegen war es uns auch sehr wichtig, Hitzearbeit zu machen: Wir haben Wasserflaschen verteilt und auch QR-Codes, die man scannen konnte, um zu sehen, wo die nächsten Wasserauffüllstationen sind.
Wir waren Teil der Hitzehilfe und genauso der Kältehilfe.
Die Einrichtung bekommt nur einen ganz kleinen Teil finanziert – der Großteil sind wirklich nur Spenden. Bei den Spenden waren, Gott sei Dank, ganz viele Thermosohlen für die Schuhe, Handschuhe und Mützen. Halt winterfeste Kleidung, Thermomatten zum Schlafen für die Zelte. Das alles wird vergeben, sodass das Risiko ein bisschen verringert wird, dass irgendwelche Verletzungen, Krankheiten oder sonst was aus dem Wetter heraus entstehen.

Welche Strategien zur Gesundheitsfürsorge hatten sie?
Gesundheitsfürsorge ist für uns ja immer, also jetzt so ein Paradebeispiel, gesund ernähren, damit es dem Körper gut geht.
Das würde uns da vielleicht in den Kopf kommen.
Aber bei Gesundheitsfürsorge spielt ja auch die Psyche eine Rolle.
Und da kann das auch Drogenkonsum sein, um einen mental runterzubringen, auch wenn das eigentlich ein selbstzerstörerisches Verhalten ist: In dem Moment hilft es dann der Person, beziehungsweise hat sie zumindest das Gefühl, dass es in dem Moment hilft.
Es gibt auch eine Lücke im System in Bezug auf Gefängnisaufenthalte – viele der Obdachlosen begehen Straftaten, da das Gefängnis keine Abschreckung darstellt. Vielmehr bietet es ihnen ein Dach über dem Kopf und vernünftige Verpflegung.
Wie würdest du ihre Strategien beurteilen? (in Bezug auf den Drogenkonsum)
Das ist schwierig.
Erstmal wissen wir ja alle: Drogen in Mengen sind nicht gut und auch die kleinsten Mengen können schon super schädlich sein. Deswegen würde ich das grundsätzlich als selbstzerstörerisches Verhalten ansehen.
Aber manchmal, wenn man jetzt so Drogen wie Nikotin oder so sieht, kann es halt auch echt hilfreich sein für die Menschen, um einfach ihre Wut zu regulieren oder andere Süchte damit zu kompensieren.
Ich war auch mit auf einer Reintegrations-Freizeit in Rügen.
Da waren auch zwei Leute dabei, die täglich Speed konsumieren und die haben diese Reintegrations-Freizeit auch als Chance gesehen, da mal von weg zu kommen.
Deswegen haben sie halt umso mehr geraucht oder auch gekifft.
Es war natürlich nicht erlaubt, aber das kann dann halt einfach helfen, auch wenn es umstritten ist.
Und klar kann das auch schwere psychische Zustände hervorrufen, aber trotzdem kann es helfen, um dann von schlimmeren Sachen, wie zum Beispiel Speed, wegzukommen.
Hast du das Gefühl, dass die Klient*innen viel wert auf ihre Gesundheit legen?
Definitiv nein.
Ich schreibe meine Bachelorarbeit über Safer-Use-Strategien und wollte eigentlich mit den Klient*innen Interviews darüber führen. Aber dann ist mir eingefallen, dass denen total egal ist, was sie konsumieren und wie sie konsumieren. Hauptsache sie konsumieren.
Wie war die gesundheitliche Versorgung für die Betroffenen? Auch wenn sie nicht versichert waren zum Beispiel.
Wir haben in der Einrichtung eine Liste, auf der alle Ärzt*innen in Berlin draufstehen, die sich auch für Menschen ohne Krankenversicherung einsetzen.
Ich war auch einmal mit in so einer Praxis. Das war nicht so eine typische Arztpraxis, so schick, wie wir es kennen, sondern es gab eine Suppenküche, einen Aufenthaltsraum, eine Kleiderkammer und dann ein, zwei Behandlungszimmerchen.
Da habe ich mich persönlich auch für eingesetzt, dass ich so viele Stellen wie möglich in Berlin aufschreibe, wo sich Leute ohne Krankenversicherung hinwenden können.
Und auch an Tierärzte haben wir vermittelt. Ich habe den Namen leider vergessen, aber da kam immer eine Frau, die die Tiere von Leuten, die auf der Straße leben, gratis behandelt hat.
Gab es Klient*innen, die sich trotzdem dagegen geweigert haben, diese Hilfen anzunehmen?
Ja, also sehr viele haben sich halt um die gesundheitliche Verfassung gar nicht gekümmert und deswegen sind auch viele nicht zum Arzt gegangen. Andere hatten auch Angst stigmatisiert zu werden, oder dass es irgendwelche Konsequenzen für sie geben könnte, falls ein Arzt bemerkt, dass sie sich selbst verletzt haben, oder so.
Wir hatten zum Beispiel mal einen Jungen in der Einrichtung, der für viele Wochen mit einer sehr schlimmen Beinverletzung gelebt hat. Er ist allerdings erst nach sehr langer Zeit voller Schmerzen zum Arzt gegangen, und wurde dann direkt operiert. Es liegt auch ein Problem darin, dass ein Arztbesuch nicht wirklich niedrigschwellig ist, da alleine das Heraussuchen eines Arztes, der Menschen ohne Krankenversicherung behandelt, mit gewissem Aufwand verbunden ist.
Kleine Erstversorgungen konnten wir auch selbst machen: Salbe drauf, desinfizieren und Verband drum. Viel mehr durften wir aber nicht.
Welche Strategien findest du sinnvoll, um Klient*innen zur Selbsttätigkeit zu bewegen?
Man kann Positivbeispiele nennen, damit dann die Klient*innen vielleicht sehen, wie es sein kann, wenn es einem psychisch und körperlich gut geht.
Wenn du einfach nur sagst: „Leute, hört auf zu konsumieren, das schadet eurem Körper und eurer Psyche”, funktioniert das nicht. Wenn man aber vielleicht unterstützend zur Seite steht und auch wirklich selber tätig wird, wie bei der Wohnungssuche zum Beispiel, oder dass man gute Tipps gibt, wie beispielsweise der Streit mit dem Partner geklärt werden kann, dann stehen die Chancen besser.
Und was noch ganz wichtig ist: Peers to peers.
Unsere Einrichtung hatte einen christlichen Hintergrund und einmal im Monat gab es eine besondere Veranstaltung. Da gab es leckeres Essen, Musik und es wurde über Gott geredet. Das war jetzt nicht so das Thema der Klient*innen, aber ein junger Sozialarbeiter hat dann zum Beispiel von sich erzählt. Dass er früher auch auf die schiefe Bahn geraten ist und Drogen konsumiert hat. Auch harte Drogen, illegale Substanzen und ganz viel Alkohol getrunken hat, keinen Job hatte und ja, wie er es dann aber wieder in ein sozialisiertes, geregeltes Leben geschafft hat und auch, welche Kraft Gott ihm dabei gegeben hat.
Ich glaube, solche Beispiele, wenn man hört, egal wie scheiße die Situation war, es gibt immer einen Weg zurück in ein geregeltes Leben, die können helfen. Die können auch die Beziehung zu den Sozialarbeiter*innen verbessern und die Art, wie sie auf sie schauen.
Du hast ja selber auch früher mal konsumiert und auch in deinem Umfeld war das ja ein Thema – bringst du selbst auch Beispiele?
Wenn es die Situation gab, dass ich mich hätte äußern können, habe ich mich immer sehr zurückgehalten und nichts davon erzählt. Mir war das sehr unangenehm. Jetzt im Nachhinein denke ich mir, dass ich es vielleicht hätte ansprechen sollen, weil ich dann vielleicht auch diesen Peer-Effekt gehabt hätte. Ich glaube, das hätte zu 100% was gebracht, dass sie mich mit anderen Augen sehen und nicht denken: „Das ist eine Studentin, die hat eh alles. Die kennt das gar nicht selber und so.”
Sondern dass sie merken, ich weiß genau, wie es abläuft.
Kennst du den Begriff System-Sprenger?
Ja, den kenne ich. Da habe ich auch mal einen Film zugesehen.
Trifft dieser Begriff auch auf die Klient*innen der Einrichtung zu?
Ja, auf jeden Fall!
Also die Gesellschaft hat ein System vorgesehen.
Menschen haben einen geregelten Tagesablauf, Menschen verdienen Geld.
Und das sind jetzt nur ein paar Beispiele, aber das ist so das Paradebeispiel.
Und wenn Menschen sich wirklich aktiv dagegen entscheiden oder auch aus irgendwelchen Gründen nicht mehr in dieses System reingehören, keine eigene Wohnung haben, auf der Straße schlafen, dann zählt man nicht mehr zu dem System.
Und da, finde ich, passt der Begriff Systemsprenger schon.
Es gibt nämlich auch noch den Begriff „vom System gesprengte“. Findest du den auch passend?
Oh. Oh, okay, das gibt noch mal eine ganz andere Sicht darauf.
Und es ist wahrscheinlich auch nicht immer das Gleiche.
Das ist ja total individuell, manche wollen halt wirklich aktiv nicht dazugehören, und bei manchen passiert das passiv.
Die, die halt aktiv wirklich nicht da reinpassen wollten in die Schiene und nicht gemeldet sein wollten und gar nichts mit dem Staat zu tun haben wollten, das sind auf jeden Fall Systemsprenger, aber diejenigen, die zum Beispiel eine ganz schlimme Kindheit hatten und dann auf anderen Wegen in die Obdachlosigkeit gerutscht sind oder in die Szene, da würde ich dann schon eher sagen, vom System gesprengt.
Ja, aber da würde ich schon sagen, dass die Begriffe passen.
Hast du vielleicht so ein paar Klient*innen vor Augen, die für dich eher Systemsprenger sind und andere die du eher als vom System gesprengt bezeichnen würdest?
Ja, direkt.
Würdest du sagen, dass man bei denen einen Unterschied gesehen hat, was die Gesundheitsversorgung angeht?
Ja, definitiv.
Ich habe jetzt aber auch zu jedem nur so ein bis zwei Klient*innen im Kopf und die vom System gesprengten… da war die gesundheitliche Verfassung sehr schlecht, auch die eigene Auffassung von Gesundheitsfürsorge, um sich selber zu kümmern, das war da gar nicht.
Und die Systemsprenger, die sich aktiv dafür entschieden haben, da war die Gesundheitsfürsorge und generell der gesundheitliche Zustand deutlich besser.

