Wenn Jugendhilfe zur Gefahr wird – MDR Investigativ

MDR Investigativ hat sich mit dem Fall von Ole intensiv beschäftigt.

MDR Investigativ hat die Familie von Ole getroffen. Ole ist 17 Jahre alt und bereits im Kindergarten und in der Schule auffällig geworden. Laut der Familie hatte er immer sehr liebevolle Tendenzen, dies konnte jedoch abrupt umschlagen. 2020 rief die Mutter erstmals die Polizei, als sie nicht mehr gegen ihn ankam.

Ole erhielt im Laufe der Zeit sehr viele Diagnosen, unter anderem eine Störung des Sozialverhaltens sowie eine Tic-Störung. Es folgten eine jahrelange Odyssee, zahlreiche Klinikaufenthalte, psychiatrische Einrichtungen in Magdeburg, Uchtspringe, Bernburg und Haldensleben.

Seit er wieder in Magdeburg ist, sorgen Security-Kräfte rund um die Uhr um Oles Sicherheit. Sie sollen ihn vor Selbstverletzung, aber auch Fremdverletzung schützen. Man nennt diese Kräfte auch Deeskalationskräfte: Sie nehmen Jugendliche fest oder bringen sie zu Boden, wenn es keine andere Möglichkeit mehr gibt. Immer häufiger werden solche Deeskalationskräfte in Jugendeinrichtungen eingesetzt:Zu der genauen Anzahl gibt es keine Daten.

Ole weist jedoch immer wieder fragwürdige Verletzungen auf, wie beispielsweise einen Armbruch. Den Eltern wird mitgeteilt, dass es sich hierbei um eine Selbstverletzung handelt. Diese zweifeln dies jedoch immer wieder an.

Menno Baumann, Professor an der Fliedner Fachhochschule für Pädagogik und Soziale Arbeit erklärt, dass Jugendliche häufig in ein Schleudersystem zwischen Bildungssystem, Jugendhilfe und Kinder- und Jugendpsychiatrie geraten. Keiner fühlt sich zuständig, sodass sich die Fälle hochschaukeln bis hin zur geschlossenen Unterbringung und dem EInsatz von Securitykräften würden. Baumann sieht den Einsatz von Security-Kräften sehr kritisch:Es entstehe eine Gefahr von Machtmissbrauch, wenn sogenannte “Maßnahmen der Körperintervention” angewendet werden.

Ole war sehr lange in einem speziellen Bereich der psychiatrischen Klinik in Magdeburg untergebracht. Dort wurde er 24 Stunden vom Security Dienst bewacht. Es gibt mehrere Vorfälle, die auf ein extremes Verhalten der Security-Kräfte hinweisen: So wurde Ole beispielsweise an den Beinen aus dem Bett gezogen und schlug mit dem Rücken und dem Kopf auf dem Boden auf. Obwohl er blutete, wurde er weiterhin auf dem Boden festgehalten. Es wird ihm das Knie in den Bauch und das Gesicht gedrückt. Die Pflegerische Fachkraft weist das Security-Personal an, dies zu unterlassen. Dieser Fall wird jetzt vor Gericht verhandelt.

Nun stellt sich heraus, dass der Jugendhilfe -Träger, der mit der Sicherheit von Ole beauftragt wurde, dieselbe Adresse wie die Security-Firma hat.  Also ist die Leitungsebene dieselbe. Die Security-Firma hat hier wohl ein lukratives Geschäft entdeckt, denn die Tagessätze liegen zwischen zweitausend und viertausend Euro.

Baumann bildet an der Fachhochschule nicht nur angehende Pädagogen aus, sondern auch Mitarbeiter von Behörden. Als das Team von MDR Investigativ dort dreht, sind auch zwei Security-Kräfte anwesend. Diese werden von den Jugendämtern beauftragt.

Zwei der Mitarbeiter, die Ole bewachten, stehen nun vor Gericht. Es wird ihnen Misshandlung vorgeworfen. Es erschien jedoch nur einer vor Gericht – die Verhandlungen gehen im März weiter.

https://www.mdr.de/nachrichten/deutschland/gesellschaft/systemsprenger-jugendhilfe-gewalt-sicherheitskraefte-102.html

Gesehen am 23.02.2026