Drogenhilfe für Jugendliche: Warum frühe Unterstützung und gute Netzwerke entscheidend sind

Für unseren Blog haben wir mit Christian Geurden gesprochen. Christian Geurden war fast 20 Jahre bei Karuna e.V. in Berlin tätig und leitete dort das Care & Case Management für Jugendliche mit Suchterkrankungen. In dieser Rolle begleitete er junge Menschen an den Schnittstellen von Jugendhilfe, Psychiatrie und Suchthilfe und setzte sich für passgenaue Unterstützungsangebote ein. Heute berät er Träger und Einrichtungen bei der Entwicklung von Konzepten für den Umgang mit konsumierenden Jugendlichen.

Im Interview berichtet er von seinen Erfahrungen in der Drogenhilfe, den Herausforderungen im Hilfesystem und der Bedeutung von Care und Case Management für junge Menschen mit komplexen Hilfebedarfen.

Wie kamst du zur Arbeit in der Drogenhilfe?

Geurden: Eigentlich eher zufällig. Während meiner dualen Ausbildung begann ich in einer drogentherapeutischen Einrichtung in Rheinland-Pfalz zu arbeiten. Dort konnte ich miterleben, wie wichtig es ist, junge Menschen nicht nur therapeutisch zu begleiten, sondern ihnen gleichzeitig schulische und berufliche Perspektiven zu eröffnen.

Später kam ich über einen fachlichen Austausch nach Berlin zu Karuna. Dort entstand die Idee, Jugendhilfe und Kinder- und Jugendpsychiatrie enger miteinander zu verzahnen. Aus diesem Ansatz entwickelte sich das Care & Case Management, das Jugendliche bereits vor einem Klinikaufenthalt begleitet, sie währenddessen unterstützt und anschließend passende Hilfen organisiert.

Wie erreichen Einrichtungen Jugendliche mit Drogenproblemen?

Geurden: Viele Jugendliche kommen über Eltern, Schulen, Jugendämter oder Gerichte in die Hilfen. Ein wachsender Teil meldet sich jedoch auch selbst. Entscheidend ist dabei die Haltung der Fachkräfte: Jugendliche müssen erleben, dass ihnen ohne Vorurteile begegnet wird und dass ihre Probleme ernst genommen werden.

Konsum sollte weder verharmlost noch tabuisiert werden. Stattdessen braucht es vertrauensvolle Beziehungen, Aufklärung und die Bereitschaft, Jugendliche langfristig zu begleiten.

Wo liegen die größten Lücken im Hilfesystem?

Geurden: In Deutschland fehlt es an spezialisierten Angeboten für konsumierende Jugendliche. Viele Drogenberatungsstellen richten sich vor allem an Erwachsene. Gleichzeitig werden Jugendliche mit Suchterkrankungen häufig in allgemeine kinder- und jugendpsychiatrische Angebote integriert, die ihren spezifischen Bedürfnissen nicht immer gerecht werden.

Zwar entstehen inzwischen an verschiedenen Standorten innovative Projekte, insgesamt gibt es jedoch weiterhin zu wenige spezialisierte Hilfen und Behandlungsplätze.

Was sollten Fachkräfte im Umgang mit konsumierenden Jugendlichen beachten?

Geurden: Ein zentraler Punkt ist, Konsum differenziert zu betrachten. Nicht jeder Konsum bedeutet automatisch eine Suchterkrankung. Fachkräfte sollten zwischen Experimentieren, riskantem Konsum und Abhängigkeit unterscheiden können.

Dafür braucht es Fortbildungen, fachliche Beratung und gute Netzwerke. Wichtig ist außerdem, das Thema frühzeitig anzusprechen. Wird Konsum lange ignoriert und erst bei einer Krise thematisiert, sind Konflikte und Beziehungsabbrüche oft bereits vorprogrammiert.

Welche Entwicklungen beobachtest du aktuell?

Geurden: Besonders besorgniserregend finde ich den zunehmenden Mischkonsum verschiedener Substanzen. Während früher häufig einzelne Drogen im Vordergrund standen, konsumieren viele Jugendliche heute mehrere Substanzen gleichzeitig oder abwechselnd.

Vor allem Medikamente wie Benzodiazepine (z. B. Xanax), die in sozialen Medien und Jugendkulturen teilweise stark präsent sind, finde ich problematisch. Diese Entwicklungen spiegeln sich auch in steigenden Zahlen schwerer gesundheitlicher Folgen und Drogentodesfälle wider.

Warum sind Care & Case Management und komplexe Hilfen so wichtig?

Geurden: Viele Jugendliche bringen nicht nur eine Suchterkrankung mit, sondern gleichzeitig psychische Belastungen, Schulprobleme, Delinquenz oder schwierige familiäre Situationen. In solchen Fällen reichen einzelne Hilfen oft nicht aus.

Care & Case Management hilft dabei, verschiedene Unterstützungsangebote zu koordinieren und Übergänge zwischen Einrichtungen möglichst reibungslos zu gestalten. Entscheidend ist, Brüche im Hilfeverlauf zu vermeiden und gemeinsam mit den Jugendlichen passgenaue Unterstützungswege zu entwickeln.

Man kann solche Herausforderungen nicht allein bewältigen. Gute Netzwerke und verlässliche Beziehungen sind der Schlüssel für nachhaltige Unterstützung.

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